Alles in einem Flow

Mecklenburg-Vorpommern setzt bei 
U-Untersuchungen auf KIM

 „Wir wollen verhindern, dass wir offensichtlich vernachlässigte Kinder über Jahre nicht sehen.“

Hagen Straßburger

Hagen Straßburger ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin sowie Neonatologie in einer Gemeinschaftspraxis in Rostock. Allein aus Mecklenburg-Vorpommern und dem Nachbarbundesland Schleswig-Holstein kennt er dramatische Beispiele: 2007 starb die fünfjährige Lea aus Schwerin an Verhungern, 2025 ein vier Monate alter weiblicher Säugling in Brunsbüttel. Straßburger sagt: „Eine zeitnahe Meldung der U-Untersuchungen zwischen Kinderärztin bzw. Kinderarzt und Gesundheitsamt bringt hier einen echten Vorteil.“ 

Der Mediziner engagiert sich auf Landesebene als stellvertretender Vorstand des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen e.V. (BVKJ MV). Im Schulterschluss mit dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGuS) in Mecklenburg-Vorpommern hat der Verband den elektronischen Nachweis über die Kinderfrüherkennungsuntersuchungen via KIM-Mail eingeführt.

Meldungen datenschutzkonform übermitteln

KIM steht für Kommunikation im Medizinwesen und ist der sichere Maildienst im Gesundheitswesen. Voraussetzung für den Datenaustausch ist eine spezifische Mailadresse von Absender und Adressat im Verzeichnisdienst der Telematikinfrastruktur (TI) sowie ein entsprechendes Modul bzw. Programm im Primärsystem der Einrichtung. In den Praxen sind die entsprechenden Module von der gematik geprüft und für den Einsatz in der TI, dem Datennetz im Gesundheitswesen, zugelassen. Auch das LAGuS hat eine Lösung gefunden, dank der die Meldungen datenschutzkonform ins System des Amtes übernommen werden können.

Digitale Umstellung für bessere Prozesse 

Hagen Straßburger erzählt, dass die Vorsitzende des LAGuS die Idee des digitalen Prozesses maßgeblich vorangetrieben und sich dabei an der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbestätigung für Arbeitgeber orientiert hat. Zuvor hatten lange Meldewege per Post und die analoge Administration zu Verzögerungen, aber auch zu Missverständnissen geführt. 

Der Kinder- und Jugendmediziner aus Rostock erklärt der Hintergrund: „Für mich als Arzt ist es fachlich nicht so wichtig, ob ich die Untersuchung digital oder analog melde. Relevant ist aber der Kinderschutz. Das LAGuS erfasst ja, welches Kind bei der Untersuchung war und welches nicht. Und da hat der Postversand bzw. die analoge Bearbeitung früher teilweise zu lange gebraucht. So haben Eltern eine Erinnerung vom Amt bekommen, obwohl das Kind in der Zwischenzeit schon zur Untersuchung da gewesen ist. Und das bedeutet, dass das Gesundheitsamt dennoch kontrollieren musste.“ 

Dank der Umstellung auf KIM sei die LAGuS-Liste der „falsch positiven“ Meldungen inzwischen deutlich kleiner geworden, betont er. 

Netzwerkarbeit ist A und O

Die Netzwerkarbeit in der Region steht für Hagen Straßburger ganz oben auf der Agenda. Seit Januar 2026 ist er mit seinem Team Testpraxis. Seit Mai gilt der Prozess übergreifend für die Kinderärzt:innen im Land. „Fast alle sind an Bord. Mit dem Hausärzteverband stehen wir in Kontakt, weil auch viele Hausärzt:innen die Kinderversorgung mit übernehmen.“ 

Einen besonderen Benefit sieht Straßburger in der stärkeren Einbindung der Spezialkliniken, die Befunde derzeit häufig noch ausdrucken und verschicken. So dauere es manchmal vier bis acht Wochen, bis Vorbefunde z. B. über angeborene Herzfehler bei den Kinderärzt:innen ankämen. „Eine taggleiche Information würde die Behandlung deutlich erleichtern, denn für eine Beratung der Familien brauchen wir die Unterlagen in der ambulanten Versorgung meist schon eher“, erklärt der Rostocker Kinderarzt.

Best Practices aus einigen Bundesländern 

Bundesweit einheitlich lässt sich der Weg aus Mecklenburg-Vorpommern nicht umsetzen. Denn Vorsorge wird in Länderhoheit gemeldet. Die Bundesebene der Kinder- und Jugendärzt*innen sei aber informiert und interessiert an den Entwicklungen, berichtet Hagen Straßburger. Auch andere Landesverbände haben in Abstimmung mit ihren Landesämtern einen ähnlichen Prozess aufgesetzt oder in Planung, etwa Hamburg oder Nordrhein. 

Klarer Mehrwert im Versorgungsalltag

Für die Praxis in Rostock bietet die Umstellung schon jetzt einen klaren Mehrwert im Versorgungsalltag: „Der individuelle KIM-Nachweis ist ein Riesengewinn, sagen mir die Schwestern“, so Straßburger. „Auch bei hohem Aufkommen lassen sich schnell Fehler finden. Die Bearbeitung funktioniert in einem Flow: U5-Patientin oder -Patienten im System aufrufen, Kreuz setzen, Direktversand der Meldung im pdf-Format ans Amt. Punkt aus fertig.“

Stand: Oktober 2026