3 Fragen an Dr. Markus Wiesenberg – Leiter Wissenschaftliche Evaluation (WEV) bei der gematik
Dr. Markus Wiesenberg, Leiter Wissenschaftliche Evaluation (WEV) bei der gematik © Jan Pauls/gematik
Was genau versteht man unter der wissenschaftlichen Evaluation (WEV) bei der gematik – und warum ist sie so wichtig für die digitale Gesundheitsversorgung?
Die wissenschaftliche Evaluation bei der gematik dient dazu, die alltagstaugliche Nutzung, Akzeptanz und Wirksamkeit der digitalen Anwendungen im Gesundheitswesen – etwa der elektronischen Patientenakte oder des E-Rezepts – empirisch fundiert im Versorgungsalltag zu messen. Wir wollen nicht nur technische Indikatoren erfassen, sondern erfahren, wie TI-Dienste im Versorgungsalltag erlebt werden: Wo bringen sie spürbaren Mehrwert? Wo gibt es noch Hürden? Die gewonnenen Erkenntnisse fließen direkt in Weiterentwicklungen, Roadmaps und Empfehlungen ein, weil Digitalisierung nur dann gelingt, wenn sie auf realen Erfahrungen und geprüftem Wissen basiert. Deshalb bin ich besonders dankbar für jede und jeden, der sich an unseren Umfragen und Interviews beteiligt: Denn jedes Feedback ist für uns sehr wertvoll.
Der TI-Atlas ist inzwischen ein zentrales Instrument, um den Fortschritt der Digitalisierung im Gesundheitswesen abzubilden. Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Erkenntnisse aus dem aktuellen TI-Atlas 2025?
Der TI-Atlas 2025 zeigt eindrücklich, dass digitale Anwendungen heute aus der Versorgung nicht mehr wegzudenken sind. Die Daten belegen, wie das E-Rezept und die ePA für alle in der Versorgung zunehmend zur Routine werden und Mehrwerte erzeugen. So haben mehr als 90 Prozent der Bevölkerung das E-Rezept als sinnvoll bewertet, und ein steigender Anteil der Praxen und Apotheken berichtet von Zeitgewinnen und einem wirklichen Versorgungsnutzen. Gleichzeitig zeigt der TI-Atlas, dass die Routine im Umgang mit TI-Anwendungen wächst und der sektorenübergreifende Informationsaustausch von vielen Leistungserbringenden bereits positiv bewertet wird. Dabei nehmen wir insbesondere Unterschiede zwischen den Primärsystemen wahr. Auf Seiten der deutschen Bevölkerung ist weiterhin eine große Offenheit gegenüber der Digitalisierung im Gesundheitswesen ersichtlich. Das sehen wir beim anhaltenden Trend von Fitness- und Gesundheits-Apps aber auch an der steigenden Zahl der Nutzenden der Krankenkassen-Service-Apps und damit verbunden der elektronischen Patientenakte.
Wie nimmst du als Leiter der wissenschaftlichen Evaluation die aktuellen Herausforderungen wahr und wie können wissenschaftliche Erkenntnisse hierbei helfen?
Die größte Herausforderung liegt aus meiner Sicht darin, die Dynamik der Digitalisierung mit der Realität des Versorgungsalltags in Einklang zu bringen. Digitale Transformation ist ein sozio-technisches Projekt: Es geht um Menschen, Nutzungsverständnis, Vertrauen bzw. Versorgungssicherheit, unterschiedlichste IT-Systeme und organisatorische Abläufe. Sicherheit und Praxistauglichkeit müssen mit dem Versorgungsalltag und den Nutzenden der IT-Systeme verknüpft werden. Genau dazu liefern wir Daten und Erkenntnisse, insbesondere für die Kolleginnen und Kollegen im Produktmanagement. Und mit Unterstützung der neuen Stabsstelle Versorgung im Zusammenspiel mit dem Bereich Research, wo wissenschaftliche Expertise und Versorgungsnähe zusammengedacht werden, entstehen weitere Möglichkeiten, um nutzerzentrierte Produktentwicklung noch stärker zu betreiben. Im Anschluss daran gilt es, die datenbasierten Erkenntnisse im Austausch mit Politik, Selbstverwaltung und Herstellern einzubringen und zu diskutieren, um so praxistaugliche Lösungen entstehen zu lassen. So wird die Digitalisierung im Gesundheitswesen spürbar wirksamer – für Leistungserbringende ebenso wie für Versicherte.
Mehr zum TI-Atlas: https://www.gematik.de/telematikinfrastruktur/ti-atlas